Jahrzehntelang lief es immer gleich. Man mietet Software, passt den eigenen Betrieb an sie an, zahlt pro Kopf und Monat. Und wenn etwas fehlt, wartet man auf das nächste Update des Herstellers.
Dieses Modell verschwindet nicht. Aber es verliert gerade sein Monopol. Software wird wichtiger denn je. Neu ist, wie sie entsteht und wem sie dient.
Das Material
Heute gibt es Werkzeuge, mit denen ein Betrieb sein System selber formen kann: bauen, verschieben, verändern, erweitern. Ein neuer Ablauf, ein neues Feld, eine neue Auswertung. Man beschreibt es, es entsteht. In Tagen, nicht in Jahren.
Software ist kein starres Produkt mehr, das man mietet. Sie ist ein Material geworden, das man nach seinem Betrieb formt.
Nicht mehr der Betrieb passt sich der Software an. Die Software passt sich dem Betrieb an. Das dreht ein Verhältnis um, das dreissig Jahre lang selbstverständlich war.
Also baut jetzt jeder selbst?
Nein. Und das ist der Teil, den die Begeisterung gerade überspringt.
Der Analyst Benedict Evans hat es kürzlich nüchtern festgehalten: Die meisten Menschen und Unternehmen sind keine Werkzeugbauer. Nicht weil ihnen Technik fehlt. Die tieferen Gründe sieht man in jedem Betrieb.
Ein Problem im Alltag zu erleben ist nicht dasselbe, wie es als baubares System zu erkennen. Wer jeden Tag mit einem Umweg lebt, hält ihn irgendwann für den Weg.
Fachwissen über die eigene Arbeit ist noch kein Entwurf. Zu wissen, wie der Betrieb läuft, heisst nicht zu wissen, wie ein Werkzeug aussehen muss, das ihn trägt.
Und ein Prototyp ist noch keine Software, die jeden Tag trägt. Daten, Anbindung, Sicherheit, Einführung, Pflege: genau dort sterben die meisten Eigenbauten.
Der Engpass ist gewandert
Die neuen Werkzeuge senken die Kosten des Bauens. Sie senken nicht die Kosten des Urteilens.
Die Frage ist nicht mehr: Können wir es bauen? Die Frage ist: Wissen wir, was gebaut werden muss? Und die zweite ist die schwierigere. Sie liegt nicht in der Technik. Sie liegt in der Mechanik des Betriebs: wo Entscheidungen stocken, wo Wissen an zwei Köpfen hängt, wo ein Ablauf nur läuft, weil jemand ihn täglich rettet.
Wer baut, ohne diese Frage beantwortet zu haben, automatisiert seine Umwege. Schneller als je zuvor.
Was das für einen Betrieb heisst
Erst der Engpass, dann das Werkzeug. Wenn ein Bau die Antwort ist, dann geformt nach dem Betrieb, nicht der Betrieb nach ihm. Gemeinsam gebaut und so übergeben, dass der Betrieb ihn ohne Begleitung weiterführt. Keine künstliche Abhängigkeit, kein Warten auf das nächste Update.
Das Material ist da. Es ist besser, als es je war.
Die Frage ist nicht, was sich damit alles bauen lässt. Die Frage ist, was sich verändern muss.
Patrick Thole, Disruption Dynamics, Zürich
disruption-dynamics.ch